DER MODERATOR
Fernsehpastor Jan Dieckmann moderiert Tacheles. Er spricht im Interview über die Integration, bewegende Momente bei Tacheles und der Frage nach welchen Werten wir leben wollen.
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19.6.2012, 19 Uhr
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Überwiegen noch die Vorbehalte gegen einen EU-Beitritt der Türkei?
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Christen in der Türkei

„Es geht nicht um Gnade, es geht um Gerechtigkeit“

Christen stehen in der Türkei am Rande, sagt Pastor Gerhard Duncker

Hoffnungen auf Religionsfreiheit haben sich für türkische Christen noch nicht erfüllt. Das berichtet der Islambeauftragte der Kirche in Westfalen, Pfarrer Gerhard Duncker. Er war elf Jahre lang Pfarrer der deutschen evangelischen Gemeinde in der Türkei.

Wie ist es Ihnen in der Türkei als evangelischer Pfarrer ergangen?

Duncker: Man kann als Pfarrer in die Türkei nicht einfach einreisen. Im Gegensatz zu den Imamen in Deutschland ist es sehr schwierig, eine Arbeitsgenehmigung zu bekommen, man geht als Mitarbeiter der Botschaft ins Ausland.

Kann man seinen christlichen Glauben in der Türkei frei leben?

Duncker: Ich als Ausländer hatte da überhaupt kein Problem. Die Leute haben gesagt: „Es ist gut, dass Du als deutscher Pastor da bist. Es gibt so viele Deutsche, die nicht an Gott glauben, und dann bringe denen das mal bei." Das ist das eine. Wenn Sie zu der kleinen, griechischen Minderheit von 2000 Leuten gehören, die darauf warten, dass ihr Priesterseminar eröffnet wird, und die erleben, dass überhaupt keine potentiellen Kandidaten mehr für dieses Priesterseminar da sind, sieht die Sache schon ganz anders aus.

Der katholische Bischof Cesare Pavese wurde in der Türkei ermordet. Haben Sie Bedrohung erlebt?

Ducker: Ich selber habe das nie erlebt. Unsere Nachbarn haben auf uns aufgepasst. Es ist aber etwas anderes, ob Sie als Ausländer da leben oder als Einheimischer.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Türkei so intolerant mit ihrer christlichen, verschwindend kleinen Minderheit umgeht?

Duncker: Ja. Es gibt im Türkischen ein Begriff, der bedeutet „inländische Ausländer" und wird für die Christen verwendet. Das heißt, Christen gehören zu einer nationalen Minderheit, zu einer Sprachminderheit. Und mit diesen Minderheiten war man politisch immer eher verkracht - Armenien oder Griechenland gelten als christliche Staaten. Deshalb zeigt dieser Begriff viel von der inneren Einstellung vieler Türken der christlichen Minderheit gegenüber. Diese Menschen gelten als unsichere Kantonisten.

Können Sie Fortschritte bei der Situation der Christen in der Türkei erkennen?

Duncker: Es gibt Fortschritte. In den letzten Wochen durften sowohl Armenier als auch Griechen Gottesdienste an alten Gottesdienststätten halten. Das ist ein Fortschritt, aber es ist immer noch ein Gnadenakt des Staates. Und es geht ja nicht um Gnade, sondern um Recht und Gerechtigkeit für alle.


Dokumentation: Sandra Stadniczuk

> Gerhard Duncker im Video