DER MODERATOR
Fernsehpastor Jan Dieckmann moderiert Tacheles. Er spricht im Interview über die Integration, bewegende Momente bei Tacheles und der Frage nach welchen Werten wir leben wollen.
Aktuelle Sendung
Wirtschaft und Werte: Kann denn Wachstum Sünde sein?
Marktkirche:
19.6.2012, 19 Uhr
Phoenix:
24.6.2012 13.00 Uhr
24.6.2012 00.00 Uhr
MIT:
> Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Huber, Ehemals Bischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland
> Mario Ohoven,
Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft
> Jutta Sundermann,
Attac Deutschland
> Prof. Dr. Utz Claassen,
Unternehmer
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Einwanderung und Arbeitsmarkt: Fremd im eigenen Land?
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Einwanderung und Arbeitsmarkt: Ein Erfolgsmodell?
Pro: "Wir sitzen alle im selben Boot" meint Bischof Frank July von der evangelischen Landeskirche in Württemberg. > mehr dazu
Contra: "Wir laden zu viele mit begrenzten Fähigkeiten ein" entgegnet Prof. Gunnar Heinsohn, Soziologe und Ökonom. > mehr dazu

Gleiche Chancen für Eingewanderte?

Türkische Bildungselite kehrt Deutschland den Rücken

Aus den Kindern von Eingewanderten werden Rückkehrer.

Ein Drittel der türkischen Akademiker und Studenten in Deutschland kann sich vorstellen, in die Türkei abzuwandern. Dieses Ergebnis liefert jetzt eine Sozialstudie des Futureorg Instituts aus Dortmund. Dabei benötigt die deutsche Wirtschaft dringend Fachkräfte. Was sind die Gründe für den Exodus? Und wie lassen sich Hochqualifizierte  zum Bleiben bewegen?

„Ich möchte für den Arbeitsmarkt in beiden Ländern attraktiv sein“, sagt Serhat Ö. Der 26-Jährige studiert Jura an der Universität Bonn. Mit 11 Jahren kam er mit seinen Eltern aus der Türkei nach Deutschland. Von seinen Verwandten ist noch niemand in die Türkei zurückgezogen. Serhat Ö. hingegen arbeitet auf eine Karriere in seinem Heimatland hin.

„Die Jobmöglichkeiten als Jurist in Deutschland sind nicht gut“, daher spielt die Türkei in seiner Zukunftsplanung eine große Rolle. Serhat Ö. hat bereits ein Jahr in Istanbul studiert und erhofft sich als zweisprachiger Jurist gute Chancen: „Ich möchte in der Türkei bei einem deutschen Unternehmen arbeiten, zum Beispiel in der Rechtsberatung“.

Serhat Ö.’s Karrierevorbereitungen passen zu den Ergebnissen des Futureorg Instituts. In der „Sozialstudie über die türkischen Akademiker und Studierenden in Deutschland“ (TASD-Studie) fand das Institut heraus, dass die Befragten ihre Abwanderung langfristig planen. Studenten möchten zunächst ihr Studium in Deutschland abschließen, bevor sie in erster Linie aus beruflichen Gründen in die Türkei gehen, so Futureorg. Die meisten abwanderungswilligen Studenten kommen laut der TASD-Studie aus den Studiengängen Medizin und Gesundheit, sowie Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften.

Viele Türken fühlen sich benachteiligt

Der Diplom-Psychologe Ediz Bökli betreibt in Osnabrück eine Agentur für Personalvermittlung. Er vermittelt hauptsächlich türkischstämmige Akademiker aus Deutschland in die Türkei. Andersherum ist eine Vermittlung seltener: "Bei den Bewerbern aus der Türkei sind Großbritannien und die Schweiz beliebter als Deutschland.“

Durch seine Arbeit hat er eigene Erkenntnisse über die Abwanderung gewonnen: „Der Trend steigt, immer mehr türkische Akademiker verlassen Deutschland." Bökli hat dafür eine Begründung: "Viele Türken fühlen sich in Deutschland benachteiligt. Sie werden selten zu Vorstellungsgesprächen eingeladen und bekommen keinen Job. In der Türkei können wir ihnen leichter Jobs in mittleren und höheren Führungspositionen vermitteln."

Auch die Autoren der TASD-Studie sehen einen Abwanderungsgrund darin, dass viele der Befragten in der Türkei bessere Aufstiegschancen als in Deutschland erwarten: Die Wirtschaft boomt, und immer mehr türkische Unternehmen werden international tätig und brauchen mehrsprachige Mitarbeiter.

Das Institut der Deutschen Wirtschaft Köln erklärt auf seiner Internetseite, dass der deutschen Wirtschaft besonders Akademiker und Fachkräfte aus den Bereichen Informatik, Mathematik, Naturwissenschaften und Technik fehlen: Im Juli 2010 blieben rund 36.800 Ingenieursstellen unbesetzt. Es fehlt der Nachwuchs von den Hochschulen und Universitäten. Deutschland und seine Wirtschaft können es sich also nicht leisten, dass gut ausgebildete Fachkräfte das Land verlassen.

Stephan S., 23 Jahre alt, ist in Deutschland geboren. Zurzeit studiert er Maschinenbau an der Fachhochschule Hannover. Wie sein Vater damals, der mit Mitte 20 aus der Türkei nach Deutschland kam, hier studierte und eine Deutsche heiratete. Heute arbeitet er in einer leitenden Position als Maschinenbauingenieur. Stephan S. sieht in seinem Vater ein Vorbild. Der Student kann sich dennoch vorstellen, in der Türkei zu arbeiten. Aber eher, weil er das Land mag und nicht, weil er sich in Deutschland keine Chancen ausrechnet: „Ich denke, dass ich aufgrund meines Studiengangs gute Aussichten auf einen Job habe.“ Vor Nachteilen bei einer Bewerbung hat er keine Angst: „Ich glaube daran, dass es bei Bewerbungsverfahren fair zugeht“.

Bei der Bewerbung aussortiert – wegen des türkischen Namens

Eine Studie, die beim Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) erschienen ist, kommt zu einem anderen Ergebnis. Demnach haben Bewerber mit türkischen Namen Nachteile bei einer Bewerbung.
Forscher der Universität Konstanz verschickten für die Studie gleichwertige Bewerbungsunterlagen, per Zufallsprinzip mit deutschem oder türkischem Namen. Das Ergebnis: Für die Bewerbungen mit türkischem Namen gab es 14 Prozent weniger positive Rückmeldungen, als für die mit deutschem Namen.

Die Forscher verschickten die Bewerbungen auf Ausschreibungen für hochqualifizierte Stellen. Sie vermuten, dass die Diskriminierung in Bereichen ohne großen Fachkräftemangel noch stärker ausgeprägt sein könnte.

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS), Christine Lüders, hat aus diesem Grund ein Projekt ins Leben gerufen: Die anonymisierte Bewerbung. Bei dieser Bewerbung fehlen zum Beispiel die Angaben Name, Alter und Familienstand. Damit soll allen Bewerbern die gleiche Chance auf eine Einladung zum Bewerbungsgespräch ermöglicht und Diskriminierung vermieden werden. Fünf große Unternehmen und das Bundesfamilienministerium prüfen in einer Testphase, ob ein solches Verfahren umsetzbar ist.

Von der anonymisierten Bewerbung hält Personaler Ediz Bökli wenig: „Das verschiebt die Diskriminierung auf das Vorstellungsgespräch. Spätestens dort lernt man die Bewerber persönlich kennen“. Bökli meint, dass die Ungewissheit, die eine anonyme Bewerbung mit sich bringt, für beide Seiten – Personaler und Bewerber – nicht gut sei.

Was Fachleute vorschlagen

Die Autoren der TASD-Studie haben anhand ihrer Forschungsergebnisse drei Maßnahmen formuliert, um die Abwanderungsbereitschaft türkischer Akademiker und Studierender zugunsten Deutschlands zu beeinflussen:

- Die Eltern in den Fokus der Integrationsbemühungen stellen, die Deutschkenntnisse und das Bildungsniveau verbessern,
- Die Anerkennung interkultureller Kompetenzen in den Unternehmen fördern und für Akademiker mit Migrationshintergrund attraktive Möglichkeiten auf dem deutschen Arbeitsmarkt schaffen,
- Die Religion stärker anerkennen.

Die Personalvermittlung von Ediz Bökli vermittelt nicht nur Bewerber in die Türkei, sondern bemüht sich auch darum, türkische Akademiker in Deutschland zu halten: Zurzeit entwickelt Bökli ein Online-Karriereportal, wo deutsche Firmen gezielt nach türkischen Bewerbern suchen können.

Von Lena Juppe