DER MODERATOR
Fernsehpastor Jan Dieckmann moderiert Tacheles. Er spricht im Interview über die Integration, bewegende Momente bei Tacheles und der Frage nach welchen Werten wir leben wollen.
Aktuelle Sendung
Wirtschaft und Werte: Kann denn Wachstum Sünde sein?
Marktkirche:
19.6.2012, 19 Uhr
Phoenix:
24.6.2012 13.00 Uhr
24.6.2012 00.00 Uhr
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> Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Huber, Ehemals Bischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland
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Mit aller Härte gegen den Terror?
PRO: "Wir brauchen eine nationale Anti-Terror-Strategie" meint der niedrsächsische Innenminister Uwe Schünemann (CDU). >mehr dazu
CONTRA: "Muslime nicht unter Generalverdacht stellen" mahnt der Braunschweiger Landesbischof Friedrich Weber. >mehr dazu

Die Grenzen des Dialogs

Bischof Weber im Chat: Jeder hat seine Wahrheit

Im Chat diskutierte Bischof Weber mit den Zuschauern.

„Jede Religion hat ihren Wahrheitsanspruch“, sagte Bischof Friedrich Weber im Tacheles-Chat. Ziel des interreligiösen Dialogs könne nicht sein, das Gegenüber für die eigene Religion zu gewinnen. Auch kritische Fragen gehören Weber zufolge zum Dialog – der allerdings erschwert sei dadurch, „dass noch immer hohe Sprachbarrieren und Unverständnis für die jeweilige Kultur und die religiöse Praxis eine freundliche und nachbarschaftliche Kommunikation außerordentlich erschweren“.

Bischof Friedrich Weber:
Ich freue mich auf Ihre Fragen.

guest: Auch in den Universitäten merkt man, trotz des Bildungsgrades, dass es eine gewisse Gruppierung verschiedener Religionen gibt. Ich bekomme auch immer mit, dass viele Angebote von der Kirche in den Universitäten angeboten werden. Meinen Sie, dass solche Betitelungen "Angebot der Kirche", diese Gruppierungen unterstützen?

Bischof Friedrich Weber: Welche Gruppierungen meinen Sie genauer? Natürlich gibt es unterschiedliche Ausprägungen von religiöser Praxis.

guest: Ich meine diese kleinen Gruppierungen, wie aus dem Kirchenkreis der Kirche XY oder, dass die Muslimen sich untereinander kennen/grüßen etc. Also meine ich diese ungewollte, strickte Trennung der Religionen.

Bischof Friedrich Weber: Ich finde es sehr bedauerlich, wenn sich die gutwilligen VertreterInnen von Religionsgemeinschaften gegenseitig nicht wahrnehmen. Es ist wichtig, dass gerade Menschen, denen der Glaube und seine menschenfreundliche Praxis von großer Bedeutung ist, dies gemeinsam für eine menschlichere Gesellschaft auch in Deutschland leben.

Bischof Friedrich Weber: Zur Ergänzung: Es gibt in den Hochschulgemeinden zum Beispiel auch die "Evangelische Studenten Gemeinde", die kulturelle Abende anbietet.

alexschnapper: Ich war mal Zivi in der ESG, eine sehr gute Sache und Einrichtung für junge Erwachsene.

Bischof Friedrich Weber: Die ESG und die katholische Hochschulgemeinde sind ganz besonders prägend und hilfreich.

alexschnapper: Ja, ich würde sogar sagen, dass meine Zeit als Zivi in der ESG mein Leben nachhaltig geprägt haben. Ich wäre sonst nie so weit, auch im Berufsleben, gekommen.

Bischof Friedrich Weber: Klasse! Hoffentlich finden Sie viele Nachahmer. Jetzt vor allen Dingen im Freiwilligen Sozialen Jahr.

alexschnapper: Ja, hoffe ich auch.

miriam1998: Hmhmhm, ich glaube, ich muss mich "gast" anschließen. Was da wohl gesagt wird, ist -so verstehe ich es- dass "Kirche" zu sehr herausstellt, dass das Angebot "von Kirche_" ist oder auch dieser "Jargon Einladung". Es gibt da ein komisches Gefühl dabei, das sich einstellt.

Bischof Friedrich Weber: Meinen Sie, es wäre besser, wenn man sehr frei und zwar so, dass man nicht direkt merkt, dass die Kirche hinter der Einladung steht, diese aussprechen sollte?

miriam1998: Nein, ich meine nur, dass man es vielleicht anders anpacken könnte. Viele werden allein schon dadurch abgeschreckt, dass "Kirche einlädt" und muffeln vor sich hin. Das erlebe ich mehr als das Gegenteil. Wenn also "Kirche" was tut, warum dann nicht, ohne sich zunächst herauszustellen. Wenn Nachfrage kommt, was denn dieser fantastische Verein eigentlich ist, dann hat man, glaube ich, mehr Erfolg Menschen bleibend anzusprechen.

miriam1998: Um zu ergänzen: Man sollte vielleicht eher eine Person in Aktion gehen lassen, ohne dies an z.B. der ev. Kirche zu belabeln.

Bischof Friedrich Weber: Da haben Sie Recht! Nur die Kirche darf auch nicht sich selber versteckend ihr Anliegen und ihre Überzeugungen verbergen. Jeder, der sich einladen lässt, sollte auch wissen, dass es hier offen und ehrlich zugeht und man nicht von irgendeinem dubiosen Verein für dessen unklare Ziele missbraucht wird. Deswegen: Wo Kirche draufsteht muss Kirche drinnen sein.

miriam1998: Nein, dass sollte die Kirche sicher nicht. So, wie es bestellt ist, sind wir uns aber sicher einig, dass da was nicht stimmt im Hause. Also es ist doch einfach so, dass Handlungen eher überzeugen als Einladungen zu Diskussionen. Diese sind immer im eigenen Hause hilfreich, wenn es gilt, Leute zu aktivieren und motivieren.

Bischof Friedrich Weber: In den meisten Begegnungen läuft das genau so, wie Sie es beschreiben. Da gibt es Leute, die über ihre Zeit als Praktikanten/Zivis/Mitarbeiter in einer Kirchengemeinde sich haben für die guten Ideen von Frieden, Gerechtigkeit und Menschenwürde begeistern lassen und wollen diese nun in unserer Gesellschaft leben. Andere spüren ihnen das ab und machen sich mit ihnen auf den Weg um genau dies in ihre kleine oder große Welt einzubringen.

Bischof Friedrich Weber: Wenn Wort und Tat nicht überein stimmen, haben alle ein Problem.

miriam1998: Ich selbst war vor Jahren auf Diskussionen "mit Muslimen", wo ich feststellen musste, dass eigentlich beide "Parteien" versuchten, die andere zu überzeugen - ohne das aber über die Grundüberzeugungen wirklich gesprochen wurde.

Bischof Friedrich Weber: Jede Religion hat ihren Wahrheitsanspruch und es wäre vermessen, als Ziel des Dialogs gewissermaßen neue Mitglieder für die je eigene Religion zu gewinnen. Es geht darum, die andere Religion kennen zu lernen, sich über sie auszutauschen, auch kritische Fragen zu stellen. Dem Gesprächspartner gehört die Freiheit, sich überzeugen zu lassen, oder nicht.

guest9664: Mir macht die Gewalttätigkeit unter Muslimen viel Sorge.

Bischof Friedrich Weber: Was meinen Sie genau?

guest9664: Ich meine, dass ich so einige Erfahrungen gemacht habe, und viele waren negativ. Ich kenne nur einen muslimischen Chemiker der nicht so drauf ist.

guest9664: Mit anderen Worten - ich habe hohe Bedenken gegenüber zahlreichen muslimischen Gangs und ihrer kriminellen Energie.

Bischof Friedrich Weber: Meine Erfahrungen sind da anders. Es gibt in den Moscheegemeinden sehr viele Menschen, die in unserem Land in Frieden leben wollen. Schwierig empfinde ich, dass noch immer hohe Sprachbarrieren und Unverständnis für die jeweilige Kultur und die religiöse Praxis eine freundliche und nachbarschaftliche Kommunikation außerordentlich erschweren.

Khalid: Die Gewalttätigkeit ist sicher ein Problem, aber mir ist offene Gewalttätigkeit lieber, als versteckter Fremdenhass. Ich habe am Freitag noch die Wiederholung des Films von Herrn Wallraff gesehen, wie er als Afrikaner in Deutschland unterwegs war.

Bischof Friedrich Weber: Offene Gewalttätigkeit und versteckter Fremdenhass sind keine Alternativen. Was wir brauchen, ist von beiden Seiten Verständnis und Respekt.

Khalid: Nun Herr Bischof, da gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Besonders wichtig ist es, dass es von beiden Seiten aus kommen muss.

guest: Auch ich sehe das so, in unserer multikulturellen Gesellschaft sollte für beide Wörter kein Platz sein! Das sollte in der frühen Sozialisation verankert werden und dazu müssten nicht nur, Vereine etc. etwas dran ändern, sondern auch vorschulische Organisationen sollten dieses Thema in Angriff nehmen und versuchen es weites gehend zu minimieren.

Bischof Friedrich Weber: Ich bin davon überzeugt, dass durch Erziehung eine Einstellung der Empathie vermittelt werden muss. Diese Empathie erlaubt es einem auf das zu hören, was andere von einem selber denken. Als Christen oder auch als Deutsche sollten wir uns gelegentlich auch einmal fragen, was unsere deutschen, muslimischen Nachbarn und andere von uns denken.

guest9664: Kriminelle gibt es überall. Nur diese Häufung fällt mir doch sehr massiv auf.

Bischof Friedrich Weber: Es gibt, so zeigen Untersuchungen der letzen Jahre, offenbar einen Zusammenhang zwischen mangelnder schulischer Bildung, Aufnahmebereitschaft fundamentalistischer Ideen und Gewalttätigkeit im Umfeld bestimmter Communities. Allerdings dürfen wir auch die Augen nicht vor rechtsradikaler Gewalt, die oft ähnliche Hintergründe hat, in Deutschland verschließen.

miriam1998: Man kann doch nicht die Hausgemeinschaft eines Hochhauses als durchweg unmuslimisch bezeichnen? Oder doch? Ist es, wie viel zu oft bei uns, nur oberflächlicher und falsch verstandener Glaube?

guest3424: Wie der Bischof gerade sagte, mangelnde schulische Bildung etc.

miriam1998: Ja - aber wer sorgt vorrangig dafür? Unser Schulsystem ist Pflicht, somit kann es daran nicht liegen.

Bischof Friedrich Weber: Hans Küng hat bereits 1993 gesagt:" Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen. Kein Friede unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen. Kein Dialog zwischen den Religionen ohne globale ethische Standards."  Ich glaube, es ist nötig, dass wir vor Ort Konsense über gemeinsame Werte schließen.

miriam1998: Das kann ich voll unterschreiben.

guest9664: Ich selber komme aus der Heavymetal-Szene, habe also entsprechende Haartracht. Das war schon 2mal Grund, dass mich Glatzen verprügeln wollten. Klarer Fall von „zur falschen Zeit am falschen Ort“.

Bischof Friedrich Weber: Das finde ich schlimm.
miriam1998: Noch mal zurück auf obiges: Wie kommt es, wenn das alles schon erkannt wurde (woran ich nicht zweifle), dass es nicht genug bekannt ist: Fehlt da was entscheidendes in den Schulprogrammen?

Alexschnapper: Die Frage verstehe ich nicht so ganz... Für mich hat das nichts mit Schule zu tun.

miriam1998: Bezieht sich auf die Aussagen zur Erkenntnis des Herrn Klüng.

miriam1998: Werden solche Erkenntnisse in evtl. Fächern genügend angesprochen, beleuchtet, zur Diskussion gestellt?

Bischof Friedrich Weber: Ich bin außerordentlich froh, dass in vielen Schulen mittlerweile islamischer Religionsunterricht angeboten wird. Der muss allerdings in deutscher Sprache mit in Deutschland erarbeiteten Lehrplänen und vor allen Dingen durch Lehrer, die ebenfalls hier ausgebildet wurden, erteilt werden. Das wird dazu beitragen, dass junge Muslime auch die christliche Religion besser kennenlernen.

Alexschnapper: Ich denke solche "Erkenntnisse" sollte nicht nur in der Schule, sondern auch im normalen Umgang miteinander erlebbar gemacht werden...

Bischof Friedrich Weber: Stimmt. Deswegen ist es wichtig, dass Kinder aus muslimischen Elternhäusern mit Kindern aus ihrer Nachbarschaft zusammen frühzeitig in Kindertagesstätten gehen. In vielen evangelischen Kindergärten gehören muslimische Kinder einfach dazu.

Bischof Friedrich Weber: Ich fand das Gespräch hilfreich, weil es die wesentlichen Probleme, nämlich die der Erziehung und Bildung, angesprochen hat. Vielen Dank!


Dokumentation: Sandra Stadniczuk

Mit dem Islam gegen den Terror? Die Angst vor Terroranschlägen hat Deutschland erreicht. Islamistische Attentäter berufen sich auf den Koran. Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime sagt dagegen in der evangelischen Talkshow Tacheles: „Das hat mit dem Islam nichts zu tun.“ Der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann will konsequent gegen den Terror vorgehen. Beide diskutieren bei Tacheles mit dem Braunschweiger Landesbischof Friedrich Weber und dem ehemaligen Botschafter Israels, Avi Primor. Moderation: Fernsehpastor Jan Dieckmann.