DER MODERATOR
Fernsehpastor Jan Dieckmann moderiert Tacheles. Er spricht im Interview über die Integration, bewegende Momente bei Tacheles und der Frage nach welchen Werten wir leben wollen.
Aktuelle Sendung
Wirtschaft und Werte: Kann denn Wachstum Sünde sein?
Marktkirche:
19.6.2012, 19 Uhr
Phoenix:
24.6.2012 13.00 Uhr
24.6.2012 00.00 Uhr
MIT:
> Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Huber, Ehemals Bischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland
> Mario Ohoven,
Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft
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Attac Deutschland
> Prof. Dr. Utz Claassen,
Unternehmer
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Wirtschaftswachstum als Leitgröße: Ist immer mehr immer besser?
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Deutsche Einheit – darf Ostalgie noch sein?
Ostalgie ist nicht nur schlecht, sagt der evangelische Bischof Gerhard Ulrich. > mehr dazu
Die DDR war ein Unrechtsstaat, entgegnet der Publizist Wolfram Weimer. > mehr dazu

Migranten in Deutschland

Foreigner: Du bist nicht von hier

schwarz/weiß: Ein Wettbewerbsfoto eingereicht von Johannes Ammon

Wer bin ich? Was hat mein Name, meine Herkunft damit zu tun? Bin ich Ausländerin, obwohl weil zwei Muttersprachen spreche? Und er ist eigentlich deutsch? Diese Fragen stellt sich die Deutsch-Albanerin Egzona Hyseni und zeigt Einblicke in die Gedanken einer jungen Frau mit Migrationshintergrund in Deutschland.

Sie ist Ausländerin, eine gute Schülerin und ein ganz normaler Mensch. Fröhlich und kommunikativ. Aber eine Ausländerin wird sie hier immer bleiben. Ihr Name ist ausländisch, ihr Aussehen und ihre Familie ebenso.

Sie, das ist ein Mädchen, das eigentlich genauso ist wie alle anderen. Nur ist sie keine Deutsche. Deutsch, das waren und sind immer nur die anderen. Durch ihre Adern fließt kein deutsches Blut. Jedoch denkt sie deutsch, spricht deutsch und ist eine gute Schreiberin. Auf deutsch. Ihr größter Wunsch ist es, eines Tages Germanistik und Philosophie zu studieren und mit Sprache zu arbeiten. Mit vielen Sprachen. Als Journalistin und Schriftstellerin.

Was bedeutet es eigentlich, in Deutschland ein Ausländer zu sein? In Deutschland als Ausländer gesehen und als einer behandelt zu werden? Ob integriert oder nicht integriert, das ist erst einmal nicht die Frage. Es spielt auch keine Rolle, ob man einen deutschen Pass besitzt oder nicht. Denn ein Pass, das ist ein Stück Papier, das uns die eine oder andere Tür öffnet, uns als Menschen jedoch nicht ändert. Was ist überhaupt ein richtiger Ausländer? Kann man sich 'einheimisieren', ohne sich zu assimilieren? Was zeichnet die Migranten aus? Sind sie ein Gewinn für die deutsche Kultur? Woran erkennt man sie, und wie geht man mit ihnen um?

Auswandern ist im Trend: „Goodbye Deutschland“

Jeder von uns kann ein Ausländer sein. In jedem Land, außer natürlich unserem Herkunftsland, sind wir 'von außerhalb'. Jedoch gibt es viele verschiedene Typen und Fälle von Ausländern. Eine wichtige Frage stellt sich allerdings: Was ist überhaupt das 'Herkunftsland' oder die Heimat, wie wir sie nennen? Das Land, in dem wir geboren wurden, gelebt haben, oder das Land, in dem wir uns einfach willkommen und zuhause fühlen? Eine Sache muss auf jeden Fall klar sein: Ausländer ist nicht gleich Außenseiter. Allerdings gibt es in Deutschland viele Fälle, auf die genau dies zutrifft. Viele Menschen, die nicht akzeptiert werden. Nicht akzeptiert werden können und wahrscheinlich auch nicht mehr werden.
Aber auch viele Deutsche stürzen sich ins Abenteuer Ausland. Nehmen wir als Beispiel die Sendung "Goodbye Deutschland - Die Auswanderer". Dort wird uns gezeigt, wie Menschen, die unbedingt in die große weite Welt wollten, entweder den Sprung schaffen oder - was leider viel zu häufig passiert - einsam und allein in einer kleinen Holzhütte in Kanada enden. Einsam, bis auf ihr Flanellhemd und ihre Holzaxt, die ihnen Gesellschaft leisten. Ohne Freunde, ohne Job und ohne Spaß. Aber warum wandern Menschen aus? Aus Existenzangst, großen Träumen oder einfach aus Langeweile?

Vorzeige-Mriganten: Von Konni Reimann bis Cem Özdemir

Konni Reimann, der Auswanderer schlechthin, ist medienpräsenter als jeder andere Deutsche, der good old Germany für ein kleines Abenteuer verlassen hat. Er ist der Vorzeigeausländer in den USA. Hat sich sein Leben, seine Existenz dort aufgebaut und kommt bestens klar. Seine Kinder haben sich gut eingelebt, seine Ehe läuft besser als je zuvor und der amerikanische Traum ist in Erfüllung gegangen. Auch in Deutschland sieht man erfolgreiche Ausländer, die sich hier von der Masse abheben und etwas Besonderes leisten. Kaya Yanar, der Comedian oder Cem Özdemir, Parteimitglied der Grünen sind die besten Beispiele dafür. Immer wieder wird uns gezeigt, dass die Nationalität keine Rolle mehr spielt im heutigen Deutschland. Städte wie Berlin oder Frankfurt sind multikulturell. Man trifft Inder, Engländer oder Nigerianer. Fast jeder Staat ist dort vertreten. Und alle kommen miteinander aus. Jedenfalls so, wie Menschen auf engstem Raum eben miteinander auskommen können. Doch das Gefühl, ein Ausländer zu sein, ist seltsam.

Beitragsautorin Hyseni Egzona

Sie hat sich hier immer willkommen gefühlt. Nie wurde sie ihrer Herkunft wegen geärgert oder schief angesehen. Doch sie weiß, dass das nicht immer so ist. Sie schätzt ihr Glück, sich hier fühlen zu können wie jeder andere.

Trotz gegenteiliger Aussagen sind diese 'seltsamen Menschen', wie der ein oder andere sie sieht, nicht immer willkommen. "Die können nicht mal deutsch." Eine Aussage, die verschiedene Emotionen hervorrufen kann.

Sie kann deutsch. Deutsch, wie es eben jeder Deutsche auch sprechen kann. Sie liebt die deutsche Sprache, die Vielfalt an Worten, die Kraft, die von ihr ausgeht.

Ausländer mit zwei Muttersprachen?

Einerseits ist man in Deutschland und will hier auch die Landessprache sprechen, will, dass sie auch andere sprechen. Trotzdem ist die Verlockung für Einwanderer groß, Unterhaltungen in ihrer Muttersprache zu führen. Auch der schwache und brüchige Kontakt zur deutschen Kultur, zu deutschen Mitmenschen führt zu einer immer größer werdenden Entfernung einer gelungenen Integration. Parteien wie die NPD, die Nationaldemokratische Partei Deutschlands, werben mit Plakaten wie "Kriminelle Ausländer raus" um die Gunst der Wähler. Automatisch sollte man sich zwei Fragen stellen. Die erste: Werden kriminelle Ausländer nicht sowieso ausgewiesen? Und die zweite: Warum nur die Kriminellen? Weil die ausländischen Arbeitnehmer gute Leistungen erbringen? Besonders bei den eher unbeliebten Jobs wie zum Beispiel auf der Baustelle? Da haben wir es, ein Vorurteil: Die meisten Einwanderer sind ungebildet und schaffen es gerade mal auf die Hauptschule. Das stimmt bei weitem nicht. Immer mehr Kinder mit Migrationshintergrund besuchen Gymnasien oder zumindest Realschulen. Dabei ist ihnen die deutsche Sprache kein Stein im Weg. Kann man - und das ist eine wichtige Frage - einen in Deutschland geborenen und zweisprachig aufgewachsenen Jugendlichen als Ausländer bezeichnen? Die Antwort ist nicht ganz einfach. Dieser Jemand hat nämlich zwei Muttersprachen.

Wie SIE. Sie beherrscht deutsch und ihre zweite Muttersprache perfekt. So perfekt, wie ein Mensch eine Sprache eben beherrschen kann. Sie ist weltoffen, hat ein beinahe wahnsinniges Interesse an fremden Kulturen, was an ihrer Erziehung liegt.

„Zwischen den Welten“

„Zwischen den Welten“. Das ist eine gute Bezeichnung für Kinder, die hier aufwachsen, aber dennoch eine Verbindung zum Herkunftsland ihrer Eltern oder Großeltern haben. Eine gute und starke Verbindung. Die Nachteile, die das Aufwachsen zwischen zwei Welten mit sich bringt, liegen in den niemals ganz erreichbaren 100%. 100 %, die einem Menschen zeigen, wo man hingehört. Einem Menschen zeigen, wer er ist. Wenn man sich aber die Vorteile vor Augen führt, wird schnell klar, dass die Makel ein Hauch heißer Luft dagegen sind. Wer mit zwei Kulturen zur gleichen Zeit konfrontiert wird, hat es später im Leben leichter. Man interessiert sich generell mehr für andere Länder oder Sprachen.

Sie liest Bücher in allen möglichen Sprachen. Sie spricht alle möglichen Sprachen. Keiner in ihrer Schule hat Zweifel daran, dass sie genau die gleichen Leistungen erbringen kann wie ihre Mitschülerinnen und Mitschüler. Keiner. Niemals hat sie ihre Herkunft geleugnet oder in den Schatten gestellt. Im Gegenteil - sie nutzt ihre Nationalität zu ihrem Vorteil. Ihre Sprachkenntnisse helfen ihr immer und überall weiter.

Nicht selten kommt es vor, dass sich Migrantenkinder sogar von ihren deutschen Mitschülern abheben. Positiv oder negativ auffallen. Doch die Tendenz der ausländischen Gymnasiasten ist steigend, wobei Gymnasium nicht gleich klug ist. Allerdings kommt es auch immer öfter vor, dass Lehrer spürbar eine Grenze ziehen zwischen 'Native speakers', also Muttersprachlern und eben denen, die es nicht sind. Was in den Augen der Lehrer besser ist, bleibt dem Leser überlassen zu urteilen. Doch oft kommen Kommentare wie: "Das hätte ich dir ja gar nicht zugetraut, so als Ausländer."

Ein wunderbares Gefühl des Stolzes überkommt sie. Des Stolzes auf sich selbst. Sie fühlt sich in diesem Moment aber einfach nur als normales Mädchen. Sie wird durch negative Aussagen eher motiviert als erschüttert. Denn sie ist stark, muss etwas leisten, um sich behaupten zu können.

Von Papierdeutschen und geborenen Deutschen

Ist aber die Trennung zwischen Deutsch und Nicht-Deutsch wirklich so stark ausgeprägt? In Freundschaft, Job oder Schule? Das sehen wir natürlich je nach unserer Herkunft anders. Natürlich sieht man an dem Namen eines Menschen, woher er kommt. Jedenfalls woher er nicht kommt. Wenn ich also Johannes Meier lese, schätze ich ganz frech, dass ich einen Deutschen vor mir habe. Und damit meine ich nicht, einen Papierdeutschen, sondern einen geborenen Deutschen. Was ich bei einem kaum aussprechbaren Namen aber zu bezweifeln wage. Die häufigste Frage lautet dann: "Aus welcher Ecke der Welt kommen Sie denn? Ihr Name klingt nicht sehr einheimisch."

Sie schmunzelt. Immer wieder fällt sie aus dem Rahmen, weil ihr Name zu schwierig ist. Zu schwierig zu lesen. Ihre Freunde kennen dieses Procedere schon, sie sagen nichts mehr dazu. Auch wenn der Lehrer oder der Typ am anderen Ende der Telefonleitung sich die Zunge zu verknoten droht. Geduldig buchstabierend steht sie daneben. E wie Emil...

Was schließt man aus so einer Geschichte? Sind wir nun alle gleich? Gleichwertig? Oder etwa nicht? Sollten wir weltoffener sein oder die Bevölkerung streng nach ihrer Abstammung trennen?

Doch bevor SIE oder wir deutsch, türkisch, chinesisch, katholisch, buddhistisch oder jüdisch sind, sind wir eines ganz bestimmt: Menschen.

Sie, das ist die Autorin albanischer Abstammung, Egzona Hyseni.