DER MODERATOR
Fernsehpastor Jan Dieckmann moderiert Tacheles. Er spricht im Interview über die Integration, bewegende Momente bei Tacheles und der Frage nach welchen Werten wir leben wollen.
Aktuelle Sendung
Schwere Entscheidung Organspende: Unversehrt sterben oder das Herz verschenken?
Marktkirche:
14.2.2012, 19 Uhr
Phoenix:
19.2.2012 um 13 Uhr und 24 Uhr
MIT:
> Landesbischof Friedrich Weber, Evangelisch-lutherische Landeskirche in Braunschweig
> Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer
> Dr. Paolo Bavastro,
Arzt und Organspendekritiker
> Renate Greinert,
Initiative Kritische Aufklärung über Organtransplantation
WER TACHELES TRÄGT
Evangelische Kirche in Deutschland Ev.-luth. Landeskirche Hannovers
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Schwere Entscheidung Organspende: Unversehrt sterben oder das Herz verschenken?
Tacheles im TV
tacheles im radio
Pro & Contra
Ist Organspende gelebte Nächstenliebe?
"Organspende ist ein großes Geschenk", meint der evangelische Landesbischof Friedrich Weber. > mehr dazu
"Der Mensch hat das Recht auf einen menschenwürdigen Tod", entgegnet Renate Greinert von der Initiative Kritische Aufklärung Organspende (KAO). > mehr dazu

Musterbeispiel der Integration?

Hazal lebt in zwei Welten

Hazal lernt für die Spanischklausur. Foto: Nina Wöss.

Hazal lebt in einem Spannungsfeld. Einerseits lernt sie für die nächste Spanischklausur, will später studieren, endlich auch einmal in die Disko gehen. Andererseits ist da ihre Familie, die ihr sehr wichtig ist. Für Hazal steht fest: Mit 20 heiraten, schwanger werden, Kopftuch tragen – das will sie auf keinen Fall. Laura Illg hat die Gymnasiastin getroffen und berichtet von einem Leben in zwei Welten.

Hazal, die eigentlich anders heißt, sitzt selbstbewusst vor ihrem Cappuccino, neben sich ein Packen voller Karteikarten. „Für die Spanischklausur morgen“, sagt sie und lächelt. Sie besitzt ein gewinnendes Lächeln und wirkt sogleich offen und sympathisch. Das lockige Haar fällt ihr locker ins Gesicht, das Kopftuch ist ihr fremd.

Hazal ist Türkin, jedoch aufgewachsen in Deutschland. Nicht in Problembezirken wie Berlin Neukölln oder Hamburg St. Georg, sondern im beschaulichen Oberschwaben. Dort wo sich noch jeder kennt, mit Servus grüßt und sonntags die Kirche noch bis auf den letzten Platz gefüllt ist. Gell, isch, - in Hazals Deutsch ist statt Akzent eine schwäbische Färbung zu erkennen.

Ein Musterbeispiel der Integration? Sie als Gymnasiastin? „Schwierig“, meint Hazal nachdenklich. Denn eigentlich wisse sie selbst nicht, ob sie nun mehr Deutsche, Türkin, beides in einem oder keines von beidem sei. „Ich fühle mich zwischen zwei Kulturen gefangen“, „nirgendwo richtig zugehörig“ – Sätze wie diese fallen im Gespräch immer wieder. Hazals Stimme wird dann leise, nachdenklich. Man merkt, wie ernst es ihr ist.

Leben in einem ständigen Spannungsfeld

„Du kennst das nicht, weißt nicht wie das ist in einem ständigen Spannungsfeld zu leben“, sagt Hazal. Ihre Freundinnen zu sehen, wie sie sich am Wochenende stylen, in die Disco gehen, mit Jungs flirten. „Gehst du auch mit?“, fragten sie am Anfang. „Nein, ich kann nicht. Meine Oma ist zu Besuch“, sagte Hazal dann als Ausrede. Irgendwann wurden die Fragen weniger. Und sie fühle sich außen vor. Wenn ihre Freundinnen von Discoflirts erzählen, kurze Röcke und Paillettentops einkaufen gehen – was solle sie dann machen? Daneben stehen und sich ärgern, weil sie das alles verpasst? Mittlerweile schwingt leise Wut in Hazals Stimme mit. Ihre Familie würde da jedoch niemals mitmachen. Nur bei ihrem Bruder sei das egal. Selbst wenn er morgens um sechs sturzbetrunken die Familie wecke. Aber sie als Mädchen? Nein, undenkbar.

Und rebellieren? Dazu müsse sie erstmal selbst wissen, was sie wolle. Wie sie ihr Leben gestalten will.
 

Beitragsautorin Laura Illg

Mit 20 heiraten, schwanger werden, Kopftuch tragen – das will sie nicht

Sie sieht ihre zahlreichen Cousinen, die mit 20 heiraten und dann erstmal schwanger werden. Plötzlich Kopftuch tragen. Nein, das wolle sie nicht. Aber ausziehen, ganz alleine irgendwo studieren? Ohne die Familie als Rückhalt? Unvorstellbar. Denn auch Hazal bekommt manchmal zu spüren, dass sie nicht überall willkommen ist. Von Lehrern, die sich über ihre Deutschaufsätze echauffieren. „Wird zuhause wohl nur Türkisch gesprochen?! Wir sind hier aber in Deutschland“, habe so ein Lehrer einmal zu ihr gesagt. „Das zeigt doch schon alles“, meint Hazal enttäuscht. Auch Beschimpfungen sind keine Seltenheit. So auch letztens im Bus nachhause. „Ist da noch frei?“, fragte Hazal. „Nein! Für dich ist kein Platz hier“, entgegnete man ihr. "Geh doch dahin zurück, wo du herkommst!"

Doch auch ansonsten haben Türken und Deutsche nicht unbedingt viel miteinander zu tun. Einladungen kämen selten oder so gut wie nie vor, Smalltalk auf dem Fußballplatz sei das höchste der Gefühle. „Neben- statt Miteinander lautet die Devise. Und das Nebeneinander ist dann oft noch nicht mal respektvoll“, meint Hazal. Beide Seiten hätten viel zu lernen.

Beide Welten vereinen?

Hazal hat das Zeug, beide Welten zu vereinen. Die Balance zu finden zwischen türkischer Kultur und Tradition und deutschen Werten und Lebensweise. Das ewige Spannungsfeld zu überwinden. Bis dahin ist es zwar ein langer Weg, der gewiss viel Kraft kosten wird. Doch nur so wird sie wahrscheinlich am Ende glücklich werden.

Die Erste in der Familie sein, die studiert? Die Erste mit deutschem Freund? „Wer weiß“, sagt Hazal und leert ihren Cappuccino. „Ich muss los, Spanisch lernen.“ Diesen Sommer fährt sie schließlich für eine Woche mit der Schule nach Barcelona. Vor zwei Jahren wäre dies undenkbar gewesen. Damals hatte ihr Vater den Zettel zur Teilnahme am Frankreichaustausch nicht einmal beachtet.

Nach einiger Überzeugungsarbeit darf sie nun in die katalanische Metropole fahren. „Das erste Mal in die Disco!“, nun leuchten ihre Augen. Vor dem Café trennen sich unsere Wege. Als sie davonstöckelt, flattert ihr Haar wild im Wind. Der Anfang ist gemacht.