DER MODERATOR
Fernsehpastor Jan Dieckmann moderiert Tacheles. Er spricht im Interview über die Integration, bewegende Momente bei Tacheles und der Frage nach welchen Werten wir leben wollen.
Aktuelle Sendung
Wirtschaft und Werte: Kann denn Wachstum Sünde sein?
Marktkirche:
19.6.2012, 19 Uhr
Phoenix:
24.6.2012 13.00 Uhr
24.6.2012 00.00 Uhr
MIT:
> Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Huber, Ehemals Bischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland
> Mario Ohoven,
Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft
> Jutta Sundermann,
Attac Deutschland
> Prof. Dr. Utz Claassen,
Unternehmer
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Mitreden
Wirtschaftswachstum als Leitgröße: Ist immer mehr immer besser?
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Pro & Contra
Deutsche Einheit – darf Ostalgie noch sein?
Ostalgie ist nicht nur schlecht, sagt der evangelische Bischof Gerhard Ulrich. > mehr dazu
Die DDR war ein Unrechtsstaat, entgegnet der Publizist Wolfram Weimer. > mehr dazu

Begegnung am Unikeller

Das Reh

Fremde im Abseits: Ein Wettbewerbsfoto von Juri Bieler.

Eine Fremde mit großen schwarzen Augen, ein Zusammenprall, wortlos. „Ich hatte das Reh schon öfter an meiner an meiner Uni gesehen, aber es niemals als Reh wahrgenommen. Mir war klar, dass es ein bisschen anders war als ich. Ich hätte nie gedachte, dass ich jemals in einen überfahrenden Moment wie diesen hineinschlittern würde.“ Giulia Enders beschreibt eine merkwürdige Begegnung.



Ich bog um die Ecke und mein Blick versuchte noch eine Vollbremsung vor zwei riesigen schwarzen Augen. Sie waren aufgerissen, ich fuhr trotz Bemühungen anzuhalten voll rein. Für eine Sekunde wirkte alles regungslos. Eine Kaskade an Signalen durchsetzte meine Gedanken und Muskeln. Das Reh fixierte mich und überließ sein Schicksal völlig meiner nächsten Handlung.

Ich glaube, dass ich mich deswegen nicht rühren konnte, weil gleichzeitig ein Signal für „Wegrennen“ und eins für „Totstellen“ abgeschickt wurde. Und das war gut so, denn sonst hätte ich die zweite Phase verpasst. Die Phase in der die nun aufeinandersitzenden Blicke sich kurz berührten, und ich merkte wie viel Scham von meinem Gegenüber ausging. Ich fasste mich innerlich beim Kopf und fand im ‚Baukasten des Verhaltens’ das angemessene Klötzchen. Also nickte ich respektvoll zu und verabschiedete mich mit einem freundschaftlichen Lächeln.

Ich stieg die Kellertreppe hoch, drückte die Glastüren auf und ging hinaus. Ich lief eine ganze Weile zu meiner Haltestelle und hatte nun das Gefühl, dass ich einen unglaublich erhabenen Moment hatte miterleben dürfen. Als zwei Freundinnen zur Haltestelle kamen, verhielt ich mich normal und bewahrte das Geheimnis des Rehs für mich. Eine Zweisamkeit kann man eben nicht auf mehrere Menschen aufteilen, so wie das mit einer Einsamkeit auch nicht geht. Sie verliert sonst etwas.

Ich kann nur vermuten was hinter mir passierte, als ich mich umdrehte und ging. Ich denke, dass das Reh nach einem gewissen zeitlichen Abstand seine Schuhe wieder anzog und seinen Gebetsteppich einrollte und auch aus dem Kellerarchiv der Unibibliothek hinausging.

Ich hatte das Reh schon öfter an meiner an meiner Uni gesehen, aber es niemals als Reh wahrgenommen. Mir war klar, dass es ein bisschen anders war als ich. Aber da ich aus einem Elternhaus komme, in dem schon immer ein Umgang der Offenheit und Toleranz gepflegt wurde, hätte ich nie gedachte, dass ich jemals in einen überfahrenden Moment wie diesen hineinschlittern würde. Ich hatte ja nie vor gehabt jemals Jäger zu sein. Moral, Sitte und Kultur waren für mich immer Spielwiesen, aber keine Jagdgründe.

Wäre da nicht die Scham gewesen, die plötzlich vor mir entblößt worden war, wäre ich mir bis heute nicht sicher, wer von uns beiden mehr Reh als Jäger gewesen war. Die Kugel des Schrecks und der Schrot der Unsicherheit traf uns auf jeden Fall beide.

Mittlerweile weiß ich, dass die hintere Kellerecke in der Unibibliothek der inoffizielle Gebetsort der muslimischen Kommilitonen ist. Mittags und nachmittags wird dort sehr oft gebetet.